aus der Fachwelt

Detlef Karg, bis Juni 2012 Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege, in der Märkischen Oderzeitung 02.02.2012:

„Es ist nicht Aufgabe der Denkmalpflege, einen verlorenen Bau wieder aufzurichten.“

„Es macht mich sehr nachdenklich, dass sich die evangelische Kirche (…) mit beträchtlichen Mitteln am Wiederaufbau der Garnisonkirche beteiligen will. Da habe ich als Denkmalpfleger, der für den Erhalt des Authentischen zuständig ist, eine andere Sicht. Schließlich haben wir 1164 Dorfkirchen und 700 Stadtpfarrkirchen in unserem Land.

komplettes Interview:

http://ohnegarnisonkirche.files.wordpress.com/2012/02/artikel-aus-der-moz-02022012_0021.jpg

Stephan J. Kramer, bis Januar 2014 Generalsekretär des Zentralrats der Juden, innerhalb des Statements zum Gedenkkonzept der Stadt Potsdam:

MAZ am 14.06.2013:

Die Kirche sei „nicht nur für die jüdische Gemeinschaft äußerst negativ-symbolträchtig“, schreibt Kramer in seiner aktuellen Stellungnahme für den Fragebogen zum neuen städtischen Gedenkkonzept.

„Die Ursachen und Wirkungen des Nationalsozialismus werden höchstens relativ abgeschwächt im Verhältnis zur preußisch-königlichen Geschichte und der Zeit nach 1945 thematisiert.“

http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Kramer-Garnisonkirche-negativ-symboltraechtig

Friedrich Schorlemmer, Theologe und Bürgerrechtler, MAZ am 23.11.2013:

„Schorlemmer betonte in seiner Eröffnungsrede: Durch den preußisch-militärischen Gebrauch der Kirche habe man an diesem Platz „Unterwürfigkeit zum Maßstab aller Dinge gemacht“. Wie solle die Kirche von diesem alten Geist getrennt werden, fragte er in Richtung der gut 150 Zuhörer. Zweitens: Dass der Bau nach der Bombardierung durch Alliierte eine Ruine hinterlassen hat, „muss zum Mittelpunkt unseres Denkens werden“, so Schorlemmer. Und drittens: Eine Wiedergutmachung gehe nicht, „man kann doch nicht Wunden heilen, die tödlich waren, und hinterher einen Prachtbau da stehen haben“, so der Theologe. Mahnzeichen: ja. Kirche: nein.“

http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Disput-um-Garnisonkirche

Aus einem Leserbrief Waldemar Hirschs an die christliche Zeitschrift “Publik Forum” zu „Ein verheerendes Signal“ in Nr. 01 v. 17.01.2014:

Es gibt eine ausreichende Zahl an Kirchen, die als Orte für Frieden und Versöhnung und als Stätten der Schule des Gewissens für die junge Generation geeignet sind. Ich denke hier an die Kirche in Berlin-Dahlem, in der Martin Niemöller seine mutigen Predigten gegen das Nazi-Regime gehalten hat. Oder die Versammlungsorte der Bekennenden Kirche, in der die „Barmer Erklärung“ verfasst wurde. Oder die vielen Kirchen in der DDR, in denen 1989 von Christinnen und Christen bekannt wurde, dass Christus und nicht irgendeine Staatsmacht als unser Herr anzuerkennen ist.

Achim Geissinger, Redakteur einer Architektur-Zeitschrift – Mails an uns:

Ein Bauprojekt, welches nicht vom räumlichen Bedarf, vom Nutzen her gedacht ist, sondern allein dem Wunsch nach überkommener Symbolik und nach Heilung vermeintlich schmerzvoller Wunden entspringt, hat es per se schwer – es sei denn, seine Symbolik zielt auf Phänomene, welche die Gesellschaft im Ganzen bewegen, sich stark auf aktuelle Befindlichkeiten auswirken.

Wer also ein Gebäude herstellen will, dessen Zweck allein in dessen Symbolkraft liegt, muss sich fragen lassen, inwiefern diese Symbolik selbst gebraucht wird und von wem überhaupt.

In Bezug auf die Garnisonkirche zu Potsdam lässt sich weder ein Raumbedarf noch eine städtebauliche Notwendigkeit erkennen. Am Standort gibt es keinen Bedarf für ein Sakralgebäude, schon gar keinen für eines, das preußische „Militärkultur“ zelebriert. Die angestrebte Symbolkraft erschöpft sich im Wunsch nach Wiederherstellung eines willkürlich aus der Geschichte herausgegriffenen Idealzustands der Stadt Potsdam. Der Wunsch, gefühlte Fehlstellen, Wunden, historische Brüche zu glätten, zu heilen, zu füllen, ist einerseits verständlich, führt andererseits aber nicht zu brauchbaren, in unserer Zeit gültigen Ergebnissen. Die Rekonstruktion abgegangener Bauwerke führt eben nicht zurück in die Geschichte, sondern hin zu Halbheiten, Unwahrheiten, leeren Bildern. Das Rad der Geschichte lässt sich, auch wenn man sich noch so viel Mühe gibt, Abbilder der Geschichte herzustellen, nicht zurückdrehen. Das Bild ist nicht die Geschichte selbst.

Die wiederaufgebaute Garnisonkirche wird ebenso wenig die Garnisonkirche selbst sein, wie das wiederaufgebaute Stadtschloss das Stadtschloss sein wird, sondern jeweils nur ein Abbild, ein haptisch erlebbares zwar, aber eben nicht die Sache, der Ort, das Monument, für die, den oder das es steht.

Wie jede andere Stadt der Welt ist (und war!) auch Potsdam permanenter Umformung unterworfen ist und bezieht seine Eigenheit und seinen Charme aus der stetigen Veränderung und dem Aufeinandertreffen verschiedener Zeitebenen.

Das Wiederherstellen einzelner Stadtbausteine mag als Phänomen unserer Zeit auch in dieser Abfolge seine Berechtigung haben. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass Rekonstruktionen immer der Makel des Unechten, des Minderwertigen, mitunter sogar des Unbrauchbaren anhaftet.

Die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche ist gut beraten, die mangelnde Spendenbereitschaft als Signal anzuerkennen, vom Rekonstruktionsvorhaben Abstand zu nehmen und die gebündelten Kräfte stattdessen auf den Erhalt original auf uns gekommener Geschichtszeugnisse, wie sie in Potsdam zu Dutzenden verkommen und verfallen, zu lenken.

Die Kulisse des Dresdner Neumarkts eignet sich als Auffangbecken für busweise angelieferte Touristentrauben sehr gut und macht ihrer Dimensionen wegen freilich mehr her als ein Besuch im Legoland.

Spätestens beim Blick herab von der Frauenkirchenkuppel wird aber klar, wie wenig überzeugend das wirrsinnige Gaubengewimmel selbst auf Freunde historischer Stadtansichten wirkt.

Aber was will man da sagen? Sie wollten es so.
Braunschweig wollte es so.
Potsdam will es so.
Berlin will es so.
Dresden tat es bereits.
Offenbar alles eine typische Erscheinung unserer Zeit.

Erfreulich ist letztlich, dass die Versuche der „Rekonstrukteure“, die jeweiligen Projekte zu Notwendigkeiten nationaler Tragweite zu erheben, allenthalben scheitern.
Die Nation interessiert sich eben gerade nicht für die Garnisonkirche. … und spätestens, wenn der Kaffee in den Braunschweiger Schlossarkaden getrunken ist, auch nicht mehr für die dortige Fassadenhuberei. Auch das Potsdamer Stadtschloss wird nur eine unter vielen Stationen von Stadtrundfahrten sein – darin ist ja nichts zu sehen. So darf man also auch den Befürwortern weiterhin die schlichte Frage stellen, wozu der ganze Aufwand?

Prof. Dr. Egon Johannes Greipl, Generalkonservator Bayern, Mail an uns:
Die Garnisonkirche ist nicht mehr vorhanden. Geschichte kann man nicht rückgängig machen.

Uns Denkmalpflegern fehlt das Geld, um die erhaltenen baulichen Zeugnisse unserer Geschichte über die Runden zu bringen.
Wir haben kein Verständnis für Aktionen mit falschem Zungenschlag wie es das Berliner Schloss oder die Potsdamer Garnisonskirche sind.

Thomas Drachenberg, Maileinsendung:

Die Position des brandenburgischen Landesdenkmalamtes in der Diskussion um die Garnisonkirche in Potsdam hat sich nicht verändert. Die Rekonstruktion der Garnisonkirche ist keine denkmalpflegerische Aufgabe, da es sich nicht um die Erhaltung, die Restaurierung bzw. auch die Veränderung eines bestehenden Bauwerkes handelt. Insofern bitte ich um Verständnis, dass wir uns als Denkmalpfleger nicht in vorderster Linie angesprochen fühlen. Es wird sich immer um einen zeitgenössischen Neubau handeln, der das Ziel hat, ein verlorenes Abbild wieder zu errichten.

Darüber hinaus halten wir den gesellschaftlichen Diskurs über das Für und Wider dieses Vorhabens für sehr wichtig.

Ein Kommentar zu “aus der Fachwelt

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